Das erste Internatswochenende im neuen Schuljahr

Willkommen in Roßleben!

Jedes Jahr begrüßen wir unsere neuen Schüler am ersten Internatswochenende des Schuljahres mit einem bunten Programm rund um unsere Klosterschule. Am Freitag Nachmittag starteten wir mit einer Ralley durch das Internatsgelände. Es wurde herumgelaufen und gesucht, gefunden, entdeckt und viel gestaunt! Immerhin ist unsere Schule über 450 Jahre alt und birgt so manches altes (Schüler-) Geheimnis!

Ausgeschlafen, gefrühstückt und nach einer lustigen Vorstellungsrunde freuten sich am Samstag alle auf den gemeinsamen Ausflug zur geheimnisvollen alten Eiche im nahegelegenen Zigelrodaer Forst. Trotz Hitze lauschten die Neuen interessiert der alten Geschichte über das Aufnahmeritual der Internatler der letzten Jahrhunderte… etwas bangte Ihnen doch… was erwartete sie dort genau? Würden sie auch wirklich aufgenommen werden? Gibt es so ein Ritual heute überhaupt noch?

Der Weg ist das Ziel! Mädchen des 12. Jahrgangs hatten hierfür liebevoll rot-weiße Bändchen geflochten und auf dem Weg zur alten Eiche versteckt. So mussten sich die neuen Internatskinder den Weg gemeinsam suchen und die Bändchen dabei einsammeln. Der erste Schritt war getan und die Eiche tatsächlich gefunden! Nun wurden noch Fragen zur Klosterschule Roßleben gestellt und beantwortet – man hatte ja bei der Ralley vom Vortag hoffentlich aufgepasst! Fast geschafft… noch was? Mit einem Stück Eichenborke im Mund rannten die Kinder zehn Runden um die alte Eiche – etwas verwundert über diese alte Tradition, aber sehr glücklich und stolz jetzt ein echter Roßlebener Internatsschüler zu sein, traten sie gemeinsam den Rückweg an.

Abends dann Entspannung im Sommerkino unter freiem Himmel bei dem Film „Spiritus Rhodosciae“ , einer Klosterschuleneigenproduktion unter der Leitung von Daniela Muth, unserer engagierten Tutorin.

Ende gut, alles gut? Pustekuchen! Die Schüler des 21. Jahrhunderts haben natürlich noch ihr eigenes Einweihungsritual! Eine harmlos startende Nachtwanderung endete so für alle in einer riesen Rasierschaumschlacht mit anschließendem Bad im Minipool!

Friederike von Pfeil, Daniela Muth

 

 

Wer noch mehr über die Einbeißeiche wissen möchte, kann hier weiterlesen:

Einbeißeiche und Schülerhöhle

Man liest immer wieder die Geschichten von dem Ritual des Einbeißens, um als Zögling an der Roßlebener Klosterschule aufgenommen zu werden.  Bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts ist dies von den Ehemaligen belegt. Aber gibt es die Einbeißeiche und die nahe gelegene Schülerhöhe 70 Jahre später noch?

Familie Konschak nahm mich mit in den Ziegelrodaer Forst.

Man muss nicht tief in den Wald hinein, trotzdem aber das Gelände gut kennen, um den Abzweig, der steil den östlichen Berghang hinaufführt nicht zu verfehlen. Nach gut 100 m Berganstieg sieht man (gut ausgeschildert), die Schülerhöhe und die Einbeißeiche. Unverkennbar der Baum, dessen Borke noch heute die Spuren des Aufnahmerituals aufweist.

Christian von Oppel beschreibt es in seinen Erinnerungen wie folgt:

 

„…Bevor man aber richtig aufgenommen wurde, musste jeder einen Antrag auf Zulassung zur Aufnahmefeier schreiben, eine ‚Existenzberechtigung‘: Das war ein Lebenslauf, in dem man sich vorstellte und die Inspektoren und Zellober um Aufnahme bat. Diese unterschrieben dann mit vielen phantastischen Titeln und fügten hinzu, wie ‚ist mir als Fußballer bekannt‘. Das bedeutete, dass man bei dem Betreffenden als roher Schläger galt. Ein Inspektor schrieb mir: ‚Gibt Widerworte, hat aber manchmal Recht damit‘, was auch keine Empfehlung sein musste. Andere strichen den Text wegen eines Schreibfehlers durch . Dann musste man den ganzen Sermon noch einmal schreiben und die bereits erlangten Unterschriften erneut erbetteln. Waren dann endlich alle Unterschriften beisammen, kam es zur großen Einbeißfeier.

Das war ein Aufnahmeritual besonderer Art. Der gesamte Coetus marschierte dazu an einem Sonntag nach dem Essen zum Ziegelrodaer Forst. An einer Stelle, rechts von der Straße, stand am Hang im Wald auf einer Plattform eine Eiche.

Dort hatten sich die Inspektoren im Kreis aufgestellt, und die ‚Neuen‘, die Füchse, mussten nacheinander in den Kreis treten, mit dem Mund ein etwa fußgroßes Stück Eichenrinde vom Boden aufnehmen, einbeißen. Mit diesem Trumm im Munde musste jeder dreimal im Kreis der Inspektoren um die Eiche laufen. Dabei bekam man von den Inspektoren leichte Schläge aufs Kreuz, durfte jedoch dafür mit den Füßen nach deren Schienbein treten. Zu diesem Trab las der PO die Regeln vor, nach denen man sich fürderhin zu richten hätte. Anschließend wurde man auf eine Geländestufe geführt. Von hier aus ging es steil hinab. Zwei Inspektoren packten den Fuchs und zwangen ihn zu vielen Verbeugungen. Dazu las einer der Inspektoren vor, wem man mit diesen Bücklingen seinen Respekt zollte. Und das war eine lange Reihe. Man sollte sich ganz winzig und unbedeutend fühlen:

‚Mach eine Verbeugung vor dem Kloster, vor der alma mater Rodoscia, vor der Eiche, dem PO, dem Herrn Erbadministrator usw…, denn diese sind alle viel älter als du!‘  Nach dem ‚DU‘ bekam man einen Schubs und musste jenen kurzen Steilhang hinunter rennen und dabei immer noch die Einbeißborke im Munde behalten. Beiderseits der ‚Sturzbahn‘ , anders kann man dieses Gefällestück nicht nennen, standen grölend und lachend die  Kameraden. Sie  waren froh, dass sie diese Tortur bereits hinter sich hatten.

Unten wurde man von einem Phalanx von Kameraden aufgefangen. Wenn alle Füchse mehr oder weniger heil unten angekommen waren, musste jeder neue Fuchs gegen einen ausgewählten Gegner einen Ringkampf bestreiten, wobei es gleichgültig war, wer gewann. Es kam nur auf den Kampfgeist, Anstand und Regeltreue an. Danach erfolgte der Spießrutenlauf:

Die Inspektoren bildeten mit den Zelloberen eine Gasse durch die man aufrecht und stolz zu gehen hatte. Von jedem Inspektor bekam man einen mehr oder weniger tüchtigen Hieb mit einem Stock auf den Popo. Zart besaitete Füchse zuckten bei den Schlägen und mussten zurück zum Anfang. Abgehärtete Junges zuckten nicht. Ich hatte mir einige Taschentücher in die Unterhose gesteckt und hatte ohnehin Übung im Erdulden von Schlägen und musste darum nicht zucken. Doch wehe, wenn die Taschentücher aufgefallen wären. Dann hätte ich noch einmal anfangen müssen und wäre jämmerlich verdroschen worden. Risiko!

Zuletzt aber kamen alle Füchse um einige Schläge reicher, aber glücklich durch den Spießrutenlauf hindurch. Das klingt alles recht roh, war aber ein heilloses Vergnügen, denn danach war man eben ein vollgültiger Klosterzögling. Es lief vor aller Augen und in geordneten Bahnen ab und enthielt keine Hinterhältigkeiten oder seelische Gemeinheiten.

Auf dem Rückmarsch ins Kloster  wurden bestimmte traditionelle Lieder, Canti, gesungen.

Auf der Einbeißborke ließ man sich von möglichst vielen Roßlebern einen Siegelabdruck ihres Wappens drücken. Die Borke wurde zusammen mit der unterschriebenen Existenzberechtigung als Devotionalie im Pult aufgestellt und sorgsam gehütet…“

Elke Wichmann