„Self-confidence“ – eine Woche Kloster Roßleben

Die Einladung der Klosterschule Roßleben, dort einmal für eine Woche zu hospitieren, habe ich gerne angenommen. Als Bildungscoach bin ich beruflich in verschiedenen Schulen, Unternehmen und Bildungseinrichtungen unterwegs – ein Internat war bis dato nicht dabei. So war ich doch sehr gespannt, was mich erwartet.

Noch etwas verloren stehe ich, nach meiner Ankunft, auf dem Schulhof der Klosterschule Roßleben. Aber nur ganz kurz – schon laufen drei Schüler zielstrebig auf mich zu, um mich per Handschlag zu begrüßen und stellen sich vor. Nein, niemand hätte sie geschickt, es sei in Roßleben so üblich, Gäste freundlich zu empfangen und sich vorzustellen. Ein warmer Empfang und ich muss schmunzeln, denke ich an die vielen Azubi-Knigge, die ich im letzten Jahr in Unternehmen veranstaltet habe, um genau dies: Höflichkeit, Händedruck und Blickkontakt mit jungen Menschen zu üben.

Auch beim ersten Abendessen in der Schulmensa fällt mir positiv auf – alle Schüler/innen warten an ihren Plätzen, bis der Internatsleiter Francis Retter seine kleine Ansprache (auf englisch) gehalten und eine der Schülerinnen aus dem Jahrgang 12 ein Tischgebet gesprochen hat. Ich erlebe eine warme, wertschätzende Atmosphäre unter den Internatskindern. In Ruhe und ohne Handy oder Kopfhörer im Ohr, reden die Schüler/innen an den Tischen miteinander, es wird viel gelacht. An einigen der Tische sitzen die Tutoren/Tutorinnen mit dabei und vor allem Internatsleiter Francis Retter nimmt sich Zeit, so viele Schüler/innen wie möglich in ein Gespräch zu verwickeln. Auch das fällt sofort auf – mit Francis Retter sprechen alle Englisch, egal wie die Vorkenntnisse sind. Viele der jungen Internatler gehen direkt auf ihn zu, mit ihren Wünschen, Sorgen und Anregungen, für alle hat er ein offenes Ohr.

Die „Großen für die Kleinen“ – in Roßleben gibt es sogenannte Präfekten. Dies sind Schüler/innen ab Klasse 10, die von ihren Mitkameraden dazu ausgewählt wurden, in der Schule eine besondere Funktion zu übernehmen. So helfen die 10.-Klässler beispielsweise dabei, die jüngeren Schüler/innen ins Bett zu bringen. Alle Kinder der unteren Jahrgänge müssen abends vor dem Schlafengehen ihr Handy abgeben. Mit den Präfekten und den Tutoren/Tutorinnen gibt es für die kleinen Schüler jetzt Zeit hier noch einmal über Tagesgeschehen, Sorgen, Pläne und den morgigen Tag zu sprechen. Auch die großen Internatskinder werden abends alle noch einmal in ihren Zimmern von ihren diensthabenden Tutoren/Tutorinnen besucht – wie zu Hause, wo ich ja auch Abends noch meinen Kindern gute Nacht sage und an ihr Bett komme.

Dass es in Roßleben ein umfangreiches Angebot für Sport und Musik gibt, dass soziales Engagement groß geschrieben wird, will ich hier nicht umfangreich beschreiben, dazu gibt es die Homepage der Schule. Aber ich möchte erzählen, was mich in dieser Woche richtig bewegt hat und was ich außergewöhnlich finde für eine Gruppe von mehr oder weniger pubertierenden Jugendlichen. Ein großer Schulchor, der singt, dass sich die Balken biegen, immer wieder offene Gespräche mit Schüler/innen und ein echtes Interesse untereinander, ein Gottesdienst von Schülern organisiert (alle 14 Tage findet ein solcher in Roßleben in der Klosterkirche statt), der freiwillig ist. – Und, obwohl draußen die Sonne scheint, ist er sehr gut besucht. Kinder, die ihre Gedanken in eine Predigt umwandeln, bewegende Fürbitten und ergreifende Lieder – das trägt und es trägt mich immer noch, wenn ich an diese Stunde Gottesdienst in Roßleben denke. „Wir wollen, dass die Kinder freiwillig kommen“, sagt die Religionslehrerin und vielleicht gerade deshalb ist diese Andacht für die Kinder eine kostbare Stunde innerhalb der Schulwoche.

Corona steht noch vor der Tür – keiner weiß, dass drei Tage später das ganze Land seine Schulen schließt. „In Roßleben sind wir sicher…“ so die Meinung der Schüler. Das Kloster und die festen Regeln der Schule geben Halt in jeder Richtung. Sie fühlen sich wohl an diesem Platz, es ist ihre Heimat. Tutoren/Tutorinnen und Lehrer sind Erzieher und Vorbilder im positiven Sinn. Die Kinder wertschätzen, dass sie in dieser besonderen Schule sein dürfen, dass ihre Eltern ihnen ermöglichen, hier ihre Schulzeit zu verbringen und sie leben Werte. „We want to teach them to be self confident – but not arrogant“, so der englische Internatsleiter Francis Retter.

Kein Roßlebener Internatskind wird im Beruf ein Benimmtraining brauchen. Neben tiefen akademischen Kenntnissen lernen die Schüler/innen in Roßleben vor allem eines: Werte, Dankbarkeit, Empathie für Mitmenschen und Demut. Softskills werden in der Arbeitswelt immer wichtiger. Corona zeigt schon jetzt, dass in einer schweren Zeit Hilfsbereitschaft, Ausdauer, Durchhaltevermögen, Verantwortungsbewusstsein ganz wichtige Fähigkeiten sind, um eine Krise zu überstehen.

Vor wenigen Wochen hieß es noch überall in den Personalabteilungen „Fachkräftemangel“ und jeder junge Bewerber hatte eigentlich gute Chancen auf einen Ausbildungsplatz oder auf ein Traineeprogramm. Das hat sich schnell geändert – schon bitten IHK und Handwerkskammer die Unternehmen, doch bitte auch weiterhin auszubilden und jungen Menschen eine Chance zu geben. Es wird somit wieder ungleich wichtiger, neben einer guten Ausbildung auch Fähigkeiten zu beherrschen, die am Arbeitsplatz gefordert und wichtig sind. Die Unternehmen werden es sich in den nächsten Jahren gut überlegen, wen sie einstellen werden. Roßlebener Kinder haben hier sicherlich einen großen Vorteil gegenüber vielen anderen, – denn sie dürfen in jungen Jahren das erlernen, was ihnen ein Leben lang helfen wird, in guten wie in schlechten Zeiten.

Constanze von Laer
Osnabrück, den 31.3.2020